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2016-03-27 // 16:44 by Arndt Peltner (comments: 0)

Dada in San Francisco

Ausverkauftes Haus. Faust in San Francisco ist ein Heimspiel für diese Soundtüftler, Pioniere ihres Genres, für diese grenzniederreißenden Klangquälgeister. Gründungsmitglied Jean-Hervé Péron meinte im Gespräch zwei Städte seien für sie etwas ganz besonderes: London und San Francisco. Das spürte man auch am Samstagabend in diesem Club auf der Valencia Street. Eine alte Kapelle, die heute als Musiktempel genutzt wird. Wenn der liebe Gott am gestrigen Abend noch einmal reingehört hat, wird er sich mehr als gewundert haben. Der Gospel, der hier gespielt wurde, war eine Mischung aus tranceartigen Beats, experimentierfreudigen Sounds und grotesken Klängen: die wunderbare Welt der faustschen Dada-Weiten.

Welche Rolle die grauhaarige Frau auf der Bühne spielte, ist mir auch nach einer kurzen Nacht nicht klar. Was hat die gemacht? Sie hat gestrickt. Gestrickt? Ja, in aller Ruhe, kein Ton war von ihr zu hören. Sie saß nur da und strickte. Auch das ist Faust. Man muß es nicht begreifen. Ein Konzert dieser legendären deutschen Formation wirft Fragen auf. Genau das erwartet auch das Publikum.

Da geht nichs stromlinienförmig voran, nichts einfach so ins Ohr. Der große Hit wurde nie geschrieben. Die gesungenen Lyrics machen meist überhaupt keinen Sinn. Wenn man meint, eine Melodie erkennen zu können, passiert irgendetwas klangtechnisches, was da eigentlich nicht hingehört, den Hörer aber auf eine akustische Umleitung führt, die dann wieder ganz neue Soundregionen eröffnet. Und mittendrin eine groteske Spielerei, bei der man sich ernsthaft fragt, ob das nicht alles Verarsche ist. Ich liebe Faust!

Faust ist Gegensatz. Faust ist ein Klangbad. Faust ist deutscher als vielen Deutschen lieb ist. Sie sind eine der wichtigsten Bands der Musikgeschichte und bedeutende Kulturbotschafter Deutschlands. Diese Band gibt es seit 45 Jahren. Angefangen hat alles, als Plattenfirmen auf der Suche nach den neuen Beatles waren. Sie bekamen als Antwort eine Gruppe von eigenwilligen Musikern, die die Grenzen des traditionellen Liedguts verschieben wollten. Immer auf der Suche, was Musik eigentlich wirklich ist. Ein Beispiel? Jean-Hervé Péron meinte zu mir, Musik ist für ihn alles. Das Holzhacken im Garten ist genauso Musik wie das Fegen in seinem Haus. Es klingt, beschwingt, bringt neuartige Soundideen, die vielleicht dann auf der Bühne umgesetzt werden. Faust hat Charaktere zusammen geführt, die in ihren eigenen Kunst- und Klangwelten leben. Reibereien waren und sind vorprogrammiert. Vor ein paar Jahren produzierte ich ein Feature für den BR, dazu interviewte ich Gründungsmitglied Hans-Joachim Irmler. Der ist heute nicht mehr dabei und doch noch immer. Alles kompliziert, aber anders wäre Faust auch gar nicht vorstellbar.

Faust - ein Portrait:

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